Ausloberin: Stiftung Zollverein
Architektonischen und tragwerksplanerischen Realisierungswettbewerb 2025/26
1. Preis in Planungsgemeinschaft mit der Kevee Consulting GmbH (Tragwerk)
Visualisierungen: JSWD 

Die Kokerei Zollverein in Essen ist ein einzigartiges Industriedenkmal und gemeinsam mit der benachbarten Zeche Zollverein UNESCO-Weltkulturerbe. Um die historischen Bauteile der Koksofenbatterie zu schützen, hat die Stiftung Zollverein im Jahr 2026 einen Realisierungswettbewerb für ein Schutzdach ausgelobt, welches die ca. 600 m lange Anlage vor Witterungseinflüssen schützen und für eine geordnete Regenentwässerung sorgen soll.


Unser Entwurf zeichnet sich durch minimale Eingriffe in den Bestand aus. Höhe, Proportion und Tragwerk des neuen Schutzdaches sind so gewählt, dass ein ruhiger Hintergrund für die Betrachtung der vielfältigen und detailreichen Struktur der industriellen Maschine entsteht. Die bestehende  Anlage (Architekt: Fritz Schupp) mit über 300 Koksöfen steht weiter im Fokus der Wahrnehmung. Die von uns übernommene Serialität verschränkt den unaufdringlichen Neubau mit dem Bestand. Zwischen den dominanten Kohletürmen entstehen im Rhythmus der erhaltenen Gasfackeln sechs Einzeldächer mit filigranem Rand und leicht abgerundeten Ecken. Die natürliche Belichtung der begehbaren Flächen darunter gewährleisten ofendeckel-großen Perforationen im nahezu komplett opaken Dach. Auf der Oberfläche ist eine großflächige Belegung mit PV-Modulen möglich.

Das Schutzdach übernimmt nicht nur seine Aufgabe als Regenschutz, sondern besitzt auch einen didaktischen Wert. Es nimmt Bezug auf den Bestand und lädt dazu ein, die Maschine über den Neubau neu zu entdecken. Die Öffnungen des Daches greifen die fünf Öffnungen jeder Ofenkammer auf und schaffen Orte, an denen Maßstab und Rhythmus der Anlage erlebt werden können.

Die Höhe des Daches entspricht dem vertikalen Hohlraum der Öfen und macht dessen Dimensionen räumlich erfahrbar. Feine Fugen auf der Dachoberfläche erinnern an die historische Querteilung der Öfen und betonen die modulare Struktur. Die Verwendung von Stahl verankert das Dach im Bestand. Runde Stützenprofile greifen die Geometrie der Öffnungen und der zahlreichen Leitungen und Kamine auf und knüpfen an die architektonische Sprache der Kokerei an.

Anstatt neue Materialien in das Weltkulturerbe Zollverein einzuführen, ermöglicht die Verwendung von Stahl ein respektvolles und harmonisches Einfügen in das denkmalgeschützte Ensemble. Der ursprüngliche Charakter der Kokerei bleibt spürbar erhalten, ebenso wie die besondere Wahrnehmung des industriellen Erbes. Gleichzeitig verweist Stahl auf die Geschichte der Anlage, da der hier produzierte Koks überwiegend für die Stahlproduktion genutzt wurde. Das neue Schutzdach wird so selbst zu einem stillen Denkmal für die Bedeutung und historische Relevanz der Koksproduktion in der deutschen Industriegeschichte.

Das Tragwerk des Schutzdachs ist als modulare, wartungsarme Stahlkonstruktion konzipiert, die den denkmalgeschützten Bestand der Koksofenbatterie dauerhaft vor Witterung schützt. Ziel ist eine konstruktiv effiziente, klar geordnete Struktur, die den Bestand respektiert und gleichzeitig eine wirtschaftliche Realisierung in Bauabschnitten ermöglicht. Das Dachsystem besteht aus gleichmäßig angeordneten Stahlrahmen mit einer Stützweite in Querrichtung von ca. 9 Meter und beidseitigen Auskragungen von rund 5 Meter. Sekundärträger spannen zwischen den Rahmenbindern und tragen die Dachhaut.

Durch den Einsatz von CO2-reduziertem Stahl aus dem Ruhrgebiet, der aufgrund eines Recyclinganteils Eisenerz und Kohle einspart, wird sowohl dem Ressourcenschutz als auch dem Klimaschutz Rechnung getragen. Aktuell sind ca. 70% CO2-Einsparung möglich, in den kommenden Jahren kündigt die Stahlindustrie weitere Reduktionen an. Das Material ist auch nach einem eventuellen Rückbau recyclingfähig und unterstützt dadurch das Prinzip der Kreislaufwirtschaft.

Siehe auch

Haus der Europäischen Geschichte

Bühnen Köln

CUBE Factory 577

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